Letzte Woche – vom 21.05. bis zum 27.05.2006 – fand in Greifenburg die 31. Hessenmeisterschaft 2006 im Drachen- und Gleitschirmfliegen statt.
Miguel und ich hatten uns Ende Februar für den Wettbewerb angemeldet. Gut vorbereitet – zumindest theoretisch, denn die Anzahl der Streckenkilometer war eher überschaubar – haben wir uns am Samstag (20.05.2006) auf den Weg nach Österreich gemacht.
Sonntag (21.05.2006) – Tiefe Basis
Der erste Wettkampftag wurde wegen nicht vorhandener Thermik gecancelt. Geflogen wurde aber trotzdem.
Am späten Nachmittag gab es zwei interessante Vorträge: Roland Hochhaus und Torsten Sattler gaben den interessierten GC-Piloten und Einsteigern eine Basiseinweisung in die Regeln der Wettkampffliegerei. Andreas Schubert referierte anschließend über das „XC-Fliegen im Drautal“. Dank Google Earth wurden sehr anschaulich die thermischen Besonderheiten – aber auch Gefahren – der Region unter Berücksichtigung der aktuellen Wettersituation vorgestellt.
Montag (22.05.2006) – Lebhafte Südwestströmung
Austro Control meldet für heute lebhafte Südwestströmung, Südstau, in allen Höhen Turbulenzgefahr und Windgeschwindigkeiten bis 80 km/h in 3.000 m Höhe. Von der Wettkampfleitung wurde dieser Tag aus Sicherheitsgründen gecancelt.
Um 11:00 Uhr fuhr ich mit einer Gruppe zum Startplatz Wassertheuer. Der nach Süden ausgerichtete Wiesenhang liegt 600 m über Greifenburg und bot an diesem Tag die einzige Möglichkeit – abgeschirmt vom überregionalen Wind – in schwacher Thermik zu fliegen. Am späten Nachmittag wurde dann auch von der Emberger Alm geflogen. Einige Piloten waren froh, als sie sicher am Boden standen: über dem Tal zog es trotz angelegter Ohren mit 1-2 m/s nach oben!
Am Abend gab Oliver Barthelmes eine praktische Einführung in die Flugdokumentation: „GPS – Wieso Weshalb Warum“.
Dienstag (23.05.2006) – Präfrontale Südwestströmung
Austro Control meldet für heute eine präfrontale Südwestströmung bei Annäherung einer Störung aus West, aufkommende Föhnturbulenz in allen Höhen, schwache Thermikansätze durch Wind, Abschattung und ßberentwicklung gestört, sowie Windgeschwindigkeiten bis 60 km/h aus SW in 3.000 m Höhe.
9:00 Uhr Auffahrt zum oberen Startplatz auf der Emberger Alm. Um 11:00 Uhr wurde, unter dem Beifall der Mehrheit der anwesenden Piloten, der Tag aus Sicherheitsgründen gecancelt. Der Wind hatte inzwischen merklich aufgefrischt und kam aus West bis Nordwest. Schlechte Bedingungen um eine geschlossene Aufgabe zu fliegen.
Dass die Entscheidung richtig war, konnten wir beim Start einiger Hardcorepiloten eindrucksvoll beobachten. Einem Freiflieger wurden die turbulenten Verhältnisse unterhalb des Startplatzes zum Verhängnis. In einer starken Ablösung stellte sich der Schirm auf, der Pilot übersteuerte den 1-2er Schirm, die Strömung riss einseitig ab, der Schirm dreht schnell zum Hang hin und der Pilot prallte aus ca. 5 m Höhe – zum Glück mit dem Protektor zuerst – auf eine Almwiese. Der Pilot wurde mit dem Rettungshubschrauber nach Lienz ins Krankenhaus geflogen.
Auf dem unteren Startplatz der Emberger Alm starteten zu diesem Zeitpunkt die Drachenpiloten ihren ersten Task, eine Aufgabe mit drei Wendepunkten über 66,5 km. Mehr als die Hälfte der Piloten konnten diese Aufgabe meistern. Es wurde von anspruchsvollen Bedingungen berichtet, bockige Thermik mit teilweise 10 m/s Steigen.
Am Abend erfuhren wir, dass ein Drachenflieger tödlich verunglückt ist. Im Bereich der Radelberger Alm soll sich der Drachen mehrfach überschlagen haben. Der Pilot hat noch die Rettung ausgelöst, die sich aber um den rotierenden Drachen verfangen haben soll. Mein Beileid gilt den Angehörigen.
Mittwoch (24.05.2006) – Dauerregen
Ausschlafen, Duschen, Frühstücken, Lesen, Quasseln, Essen, Spazieren und Nasswerden, Trocknen, Lesen, Quasseln, Lesen, Grillen, Trinken, …
Donnerstag (25.05.2006) – Hochdruckeinfluss im Südalpenraum
Austro Control meldet Hochdruckeinfluss im Südalpenraum, sehr späte Thermikauslöse und tiefe CU Basen, nachmittags teilweise Abschirmung und Windgeschwindigkeiten bis 40 km/h aus W-NW in 3.000 m Höhe. Die Nullgradgrenze ist bis auf 2.300 m abgesunken.
Um 12:00 Uhr fand das zweite Briefing auf dem Drachenstartplatz der Emberger Alm statt. Thorsten stellte den anwesenden Piloten den ersten Task dieser Hessenmeisterschaft für Gleitschirmflieger vor: Ein „air started race“ mit insgesamt 5 Wendepunkten und einer Länge von 67,3 km. Schluck.
Das Startfenster wurde von 12:30 bis 14:00 Uhr geöffnet und ab 13:30 Uhr konnte in den Startzylinder mit einem Radius von 1.000 m am 1. Wendepunkt eingeflogen werden.
Miguel startete um 12:45 Uhr. Ich bin erst eine halbe Stunde später raus gekommen. Die Bedingungen an der Südflanke der Emberger Alm waren mehr als zäh. Ich habe fast eine Stunde gebraucht, bis ich am ersten Wendepunkt war. Zu allem Überfluss habe ich nach einer halben Stunde Flugzeit gemerkt, dass die Trackaufzeichnung an meinem GPS nicht eingeschaltet war. Vor dem Einflug in den Startzylinder konnte ich den Tracklog aber aktivieren. Mit 2.250 m bin ich dann vom Gaugen Richtung Stagor geflogen. An der SW-Flanke habe ich dann Höhe getankt, bin rüber zum Wendepunkt (Gerlamoos Kapelle) und dann wieder am Stagor auf 2.300 m aufgedreht. Mit 30 km/h Groundspeed und durchschnittlich 2 m/s Sinken ging es zurück zum Gaugen. Auf der SO-Seite konnte ich dann noch einen schwachen Bart bis auf 2.100 m auskurbeln. Die Uhr zeigte inzwischen 15:00 Uhr an. Auf dem Weg zur Emberger Alm konnte ich noch ein paar Meter Höhe mitnehmen. Danach ging für mich nichts mehr und ich nahm den direkten Weg zurück zum Landeplatz.
Vier Piloten aus der offenen Klasse konnten an diesem Tag die Aufgabe vollenden. Respekt!
Mein Flug wurde nicht in die Wertung mit aufgenommen. Es fehlte die Punkte im Startbereich. Das Fragment meines Fluges findet ihr im OLC.
Leider gab es auch an diesem Tag – neben einigen Baumlandungen – einen Unfall. Ein Wettkampfpilot musste einer Stromleitung auszuweichen und zog sich bei der Landung auf einer kleine Wiese am Hang Wirbelverletzungen zu. Der Pilot wurde mit dem Rettungshubschrauber in das LKH Klagenfurt geflogen.
Am Abend gab es noch ein Debriefing. Volker Franke und Reinhard „Mayer“ May erklärten warum und weshalb ihre geflogene Route zum Erfolg führte. Der Erst- und Zweitplazierte gab eine detaillierte Analyse ihrer Flüge und der gewählten Strategie. Lernen von den Besten und hoffentlich bald selber in der Praxis anwenden.
Freitag (26.05.2006) – Frontalzone
Laut Austro Control beeinflusst eine Frontalzone den Alpenraum, starke mittelhohe Bewölkung die im Tagesverlauf immer weiter verdichtet, schwache, teils windgestörte Thermik und turbulente Westwinde.
Lange Rede kurzer Sinn – der Task wurde um 14:30 Uhr gecancelt. Miguel und ich haben noch zwei ruhige Abgleiter ins Tal gemacht.
Um 17:00 Uhr haben wir uns auf den Weg nach Hause gemacht.
Resümee
Auch wenn wir nur einen Durchgang geflogen sind – im Jahr zuvor waren es sechs Tasks – haben wir viel gelernt, ein tolles Fluggebiet und neue Menschen kennen gelernt und eine Menge Spaß gehabt.
Willkommen Zuhause! Gott sei Dank Gesund!
Immer wieder schön Deine Berichte zu lesen!
Wären sehr gerne dabei gewesen.
Gruß Andreas